Polizei entreißt Kinder von Roma-Familie

Am Abend des 5. Dezember um zirka 18:30 wurden Mitglieder unseres Vereins und andere Passanten Zeugen einer unfassbaren Situation in der B-Ebene der Hauptwache:

Polizisten entrissen einer armen Roma-Familie ihre Kinder, schleppten und schleiften sie die Treppen hoch. Die Familienmitglieder wurden mit Gewalt zurückgehalten, die Kinder schrien und versuchten sich von der Polizei loszumachen. Die Frauen und Männer schrien und riefen um Hilfe, die Rufe „Kinder Kinder“ oder „Schmerz Schmerz“ waren zu hören.

Auf unsere Nachfrage sagte ein Polizist, dass es sich dabei um eine Maßnahme des Jugendamtes handele, weil es zu kalt für die Kinder sei und sie nicht draussen bleiben könnten.

Es gibt keinerlei Hilfe für diese Familien und man nimmt ihnen auch noch die Kinder weg. Damit ist der Familie in keinster Weise geholfen. Viel eher müsste es in einem reichen Land wie Deutschland möglich gemacht werden, dass niemand auf der Straße schlafen muss.

Wir versuchten dann ein Gespräch mit den Familienmitgliedern aufzunehmen und stellten fest, dass sie überhaupt kein Deutsch sprechen. Sie sind Roma aus der Slowakei. Es stellte sich auch heraus, dass sie über diese Aktion überhaupt nicht informiert wurden und nicht wussten, warum und wer ihnen die Kinder weggenommen hat. Während ein Teil der Familie in der B-Ebene abwartete, waren der Vater und die Mutter im Büro der Stadtpolizei. Wir gehen davon aus, dass auch hier kein Übersetzer eingesetzt wurde. Der Vater hatte lediglich eine Nummer und eine Adresse auf einer Visitenkarte der VGF gekritzelt bekommen. Das war die Nummer des Jugendamtes in der Eschersheimer Landstraße, wie wir später herausfanden, denn auf der Visitenkarte waren keinerlei weitere Informationen zu finden. Während wir mit einzelnen Familienmitgliedern redeten, weinten und schrien andere Familienmitglieder weiter um Hilfe. Über die Verzweiflung der Familie, der gerade die Kinder entrissen wurden, lachten teilweise die noch anwesenden Polizisten. Insgesamt verbreitete die Polizei eine bedrohliche Stimmung.  

Wir fragen uns wie verroht es eigentlich innerhalb der Polizei zugeht? Spätestens nach den Vorfällen („NSU 2.0“) im ersten Revier müsste man doch wenigstens in der Öffentlichkeit etwas Zurückhaltung üben. Andere Passanten blieben während des ganzen Geschehens auch stehen und waren teilweise sehr betroffen von der Situation. Ein einzelner Passant jedoch, offensichtlich gut situiert, stellte sich als selbsternannter Ordnungshüter heraus und griff aus dem heiteren Nichts eine Frau tätlich an, die die Situation filmen wollte. Ihn störte anscheinend nicht die menschenunwürdige Behandlung der Familie. Dass jemand anderes sich daran stört und dokumentiert schien ihm Grund genug dafür Gewalt anzuwenden. Wir sind froh, dass die Menschen mit Mitgefühl in der Mehrzahl waren. Aber es zeigt uns auch, dass es leider immer mehr Menschen mit tiefsitzenden Vorurteilen gibt, die bereit sind ihren Hass in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Wir fragen uns, ob das wovon wir gestern Zeugen wurden, gängige Praxis in Frankfurt am Main ist. Uns ist von informierter Seite nun mitgeteilt worden, dass das kein Einzelfall sei. Das Jugendamt nimmt die Kinder unter dem Vorwand der Kindeswohlgefährdung weg, um dann den Familien Tickets zur Rückreise in die Heimat anzubieten. Wenn sie das annehmen, bekommen sie die Kinder zurück. Wenn sich das wirklich so zutragen sollte, dann ist  das nichts anderes als eine brutale Erpressung durch den Staat. Mit der Sorge um das Kindeswohl hat das nichts zu tun, denn in osteuropäischen Ländern erwartet sie keine bessere Situation als in Deutschland. Es zeigt klar das man Sinti und Roma am liebsten einfach los werden möchte.

Zum Hintergrund:

Roma in der Slowakei leben in bitterer Armut und sind von massiven Übergriffen durch Neonazis betroffen. Ihre Hütten werden in Brand gesteckt, ihre Siedlungen angegriffen. Zahlreiche Roma wurden bereits ermordet. Das ist in fast allen osteuropäischen Staaten nach dem Niedergang des Sozialismus der Fall. Roma finden in der Regel keine Arbeit. Deswegen kommen sie nach Deutschland. Hier werden sie ebenfalls ausgegrenzt und landen auf der Straße. Im kalten Winter suchen sie sich warme  Schlafplätze, wie in der B-Ebene. Das ist der Stadt ein Dorn im Auge, da es nicht zur weihnachtlichen Stimmung auf der Hauptwache passt. Statt den Leuten eine menschenwürdige Unterbringung zu bieten, vertreibt man sie weiter aus der Innenstadt. 

Betrachtet man die lange Geschichte der Ausgrenzung und Diskriminierung der Roma und Sinti, dann ist es wie ein Teufelskreis: um zu überleben, müssen sie sich in der ihnen feindlich gegenüber stehenden Gesellschaft behaupten, deshalb entwickeln sie einen harten Umgang mit ihrer Umgebung. Die einzige Möglichkeit aus dieser Situation herauszukommen, ist es dass wir gemeinsam dafür kämpfen, dass die Ausgrenzung beendet wird und ein menschenwürdiges Leben für Roma und Sinti ermöglicht wird ohne ihnen die Würde und die Eigenständigkeit zu nehmen. Dazu gehört mindestens ein Dach über dem Kopf und eine Sozialversorgung.