"Wir waren Rödelheimer" - Frau Fröhlich in Rödelheim

Vom 26. bis 28. August war Frau Edith Fröhlich (geb. Stern) mit ihrem Sohn Bill zu Besuch in Deutschland. Frau Fröhlich wuchs mit ihren Eltern, ihrer Tante, ihrem Onkel und ihrer Cousine im Haus Assenheimer Str./Alt-Rödelheim auf. Sie und ihre Eltern konnten 1939 vor dem Nazi-Terror fliehen, ihre Tante, ihr Onkel und ihre Cousine, Selma, Isidor und Renate Strauß wurden im Konzentrationslager ermordet.
Nach über 70 Jahren besuchte Frau Fröhlich den Geburtsort ihres Mannes, Walter Fröhlich, Eisenberg in der Pfalz. Während seine Eltern von den Nazis ermordet wurden, konnte er als Befreier mit der US-Armee in seinen Geburtsort zurückkehren. In Rödelheim besuchte Frau Fröhlich den 1. FC Rödelheim, dessen Vorsitzender ihr Vater bis 1931 war. Am Samstag besuchte sie ihr Elternhaus, in dessen Räumen sich heute unser Verein befindet.

Insgesamt war der Besuch sehr gelungen und sehr gut organisiert. Der Empfang durch den Ortsbeirat fand leider nicht durch den Ortsvorsteher, Herrn Wernet (CDU) statt. Es wäre ein wünschenswertes Zeichen gewesen Frau Fröhlich und ihren Sohn durch den Ortsvorsteher zu empfangen. Der stellvertretende Ortsvorsteher, Herr Ballenberger (FDP) war anscheinend nicht gut vorbereitet. So wusste er nicht mehr, ob Frau Fröhlich in Rödelheim geboren wurde und sprach stattdessen lieber von den "nicht schönen Hochhäusern" in Rödelheim. Der Besuch beim 1. FC Rödelheim war dagegen gut gestaltet und vom heutigen Vorsitzenden, Herrn Voksanovic engagiert vorbereitet worden. So wurden beispielsweise auch der Enkel und die Nichte von Jean Opper, dem besten Freund des Vaters von Frau Fröhlich, Artur Stern, eingeladen.

Der Besuch von Frau Fröhlich hat uns sehr bewegt und es war uns eine Ehre, sie begrüßen zu dürfen. Wir hoffen, ihr ein Stück ihrer alten Heimat wiedergegeben zu haben. Frau Fröhlich besichtigte ihr Geburtshaus und unterhielt sich lange mit uns über ihre Zeit in Rödelheim, ihre Vertreibung und über die Ermordung ihrer Familienmitglieder. Für diese wurden zur Erinnerung „Stolpersteine“ verlegt, an denen wir gemeinsam ein jüdisches Gebet (Kaddisch) sprachen. Der neue Besitzer des Hauses, unser Vermieter, und die Bewohner der Wohnungen ermöglichten Frau Fröhlich die Besichtigung des ganzen Hauses und bereiteten einen herzlichen Empfang.

Uns wurde noch einmal die Brutalität der faschistischen Diktatur deutlich. Menschen, wie die Familien Stern und Strauss wurden ausgegrenzt, mitten aus dem Leben herausgerissen, zur Flucht gezwungen, verfolgt und ermordet. Auf die Frage, ob sie schöne Erinnerungen an ihre Zeit in Rödelheim habe, antwortete Frau Fröhlich: „Wir waren Rödelheimer, was soll ich noch dazu sagen.“ Nach der Reichspogromnacht 1938, in der die Schaufensterscheiben des Textilgeschäfts zerstört wurden und der Vater sich auf dem Dachboden verstecken musste, fasste die Familie den Beschluss, ihre Heimat zu verlassen.

Uns wird der Besuch von Frau Fröhlich in Erinnerung bleiben und die Erinnerung ist für uns Verpflichtung, gegen Antisemitismus, Rassismus und Kriegstreiberei zu kämpfen. Wir wollen uns ganz herzlich bei Heiko Lüssmann, der den Kontakt zu Frau Fröhlich herstellte und viel wertvolle Arbeit zur Erforschung der Geschichte der jüdischen Gemeinde Rödelheims leistet, bedanken. Durch sein Engagement war es uns möglich, Frau Fröhlich kennenzulernen. Ebenso wollen wir uns bei der Initiative Stolpersteine bedanken, die mit ihrer Arbeit die Opfer des Faschismus dem Vergessen entreißt und ihre Biographien in den Stadtteil trägt.

Anlässlich des Besuchs haben wir eine kurze Dokumentation über die Familien Stern/Strauß, die Geschichte der jüdischen Gemeinde und des NS-Terrors zusammengestellt. Die Informationen wurden größtenteils dem Buch „12 Jahre Rödelheim, 1933-1945“ entnommen, dass 1988 von der Gruppe Stadtteilerkundung anlässlich des 1200-jährigen Jubiläums Rödelheims veröffentlicht wurde. Dafür wurde die Gruppe massiv angegriffen, was die bis heute virulenten Schlussstrich-Mentalität und antisemitische Tendenzen belegt.