Rede auf der Kundgebung gegen den israelischen Angriff auf Gaza

 

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef starben bisher 121 Kinder im Krieg gegen Gaza. Mehr als 900 Kinder seien verletzt worden. Insgesamt wurden mehr als 700 Palästinenser getötet, die meisten von ihnen Zivilisten und über 4000 Verletzte insgesamt. Auf israelischer Seite starben bislang 29 Soldaten und zwei Zivilisten. Für alle diese Opfer des Krieges wollen wir eine Schweigeminute einlegen.
Was macht dieser Krieg mit uns?

Er macht uns traurig, wütend, ohnmächtig .... manchmal sprachlos. Das war mit dem Angriffskrieg gegen Afghanistan so, der bis heute andauert, das war und ist mit dem Irakkrieg so, der bis heute andauert, Libyen, Syrien, jetzt Ukraine ... aber vergessen wir nicht all die anderen so genannten Krisenherde wie Sudan, Kongo, Ruanda und nicht zuletzt Jugoslawien. Wollen wir wirklich wissen wie viele Kinder und Zivilisten in diesen Kriegen ermordet wurden? 

 

Können wir uns mitanschauen wie Menschen ermordet werden? Familien, Kinder, Jugendliche, alle mit ihren eigenen Hoffnungen, mit ihren Lebensplänen, mit ihren einzigartigen Charaktereigenschaften und Persönlichkeiten. So wie wir, wie jeder einzelne von uns - auch.

 

Nein. Menschen können sich das nicht tatenlos mitansehen. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass auch hier in Deutschland Menschen auf die Straße gehen, um ihre Trauer, ihre Wut zu demonstrieren. Ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Glauben, mit unterschiedlichen Weltanschauungen... Genau wie hier. Vereint in ihrer Menschlichkeit, in ihrem Friedenswillen, in dem Willen, dass das Grauen des Krieges aufhören solle.

 

Ich finde, dass es eine gute Grundlage ist gemeinsam auf die Straße zu gehen - gegen Mord, Unterdrückung, Erniedrigung, Krieg.

Ich habe mich auch sehr gefreut zu sehen, wie viele junge Menschen aus Frankfurt bei den Demonstrationen in den letzten Wochen da waren. Alle denken immer, die Jugend interessiert sich nicht für wichtige Dinge, sondern nur für Klamotten und Musik, I-Phones und Autos ... oder was auch immer.

Es waren auch durchaus verrückte Szenen zu sehen, wie z.B. eine junge Frau mit kurzer Hose und einer grünen islamischen Fahne, es waren Menschen mit Fahnen der Freien Syrischen Armee, die ja bekanntlich von Israel und USA unterstützt werden, es waren Menschen aus der Türkei, die sich eher als Anhänger von Erdogan sehen und andere die mit Fahnen der Grauen Wölfe unterwegs waren. Diese Gruppen sind bekanntlich verfeindet. Na ja, insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass es einfach viele Jugendliche waren, die sich kannten - wahrscheinlich aus den Wohnvierteln, aus der Schule und aus den Jugendzentren.

Alle diese Unterschiede waren scheinbar nicht so wichtig: im Vordergrund stand der gemeinsame Wunsch, dass der Krieg aufhören soll.

 

Jetzt gibt es aber von den Medien, von der deutschen Politik und von der Polizei eine unglaubliche Brandmarkung dieser Demonstrationen. Die vielen Menschen, die mit friedvollen Absichten auf die Straßen gegangen sind, werden in Sippenhaft genommen, für das was einzelne oder auch Gruppen von Demonstranten von sich gegeben haben. Es heißt sie seien antisemitisch, das heißt allgemein gegen Juden gerichtet und vor allem gefährlich, weil dort viele junge Menschen mit einem maghrebinischem Hintergrund waren und immer noch sind. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, auf allen möglichen Medien nachzusehen, was denn mit dem grassierenden Judenhass gemeint ist, wie zur Zeit von vielen wie Gauck, Merkel und ihren Medien behauptet wird. Die meisten müssen selber zugeben, dass Parolen, die sich auf Juden im Allgemeinen beziehen eher rar sind. Vielmehr aber wird der Krieg Israels gegen die Bevölkerung in Gaza kritisiert. Solche Parolen wie „Kindermörder Israel“ oder „Stoppt den Krieg“ oder „Die Welt muss Israel stoppen“ sollen antisemitisch sein?

 

Es ist doch offensichtlich, dass es nur darum geht, die Menschen, die gegen Krieg auf die Straße gehen verunsichern zu wollen und außerdem anstatt über den Krieg und die Verantwortlichen zu reden, alle Aufmerksamkeit auf die Kriegsgegner und Nicht-Verantwortlichen zu lenken.

Ich finde es gut, dass auf der Demo letzten Sonntag explizit gegen Judenhass Stellung genommen wurde. Aber was haben die Medien daraus gemacht? Warum berichten sie nicht davon? Warum zitieren sie nicht die Rede, die dort gehalten wurde?

Es ist falsch und nicht in unserem Interesse, wenn die Wut gegen die israelische Aggression auf jüdische Geschäfte, Wohnviertel und Synagogen gerichtet wird. Diese vertiefen nur die Spaltungen in der Bevölkerung und nutzen nur den Kriegstreibern, die dann mit Antisemitismus, Repression und Verteidigungsrecht kommen.

 

Es ist uns doch allen klar, dass es nicht "die Juden" sind, die diesen Krieg führen, sondern die Regierung und das Militär in Israel mit Unterstützung der USA  und der BRD, aber auch mit Unterstützung arabischer und islamischer Staaten. Ägypten, Saudi-Arabien und Qatar spielen dabei ein schmutziges Spiel. Es geht doch dabei immer nur um Machtinteressen und Profite - was sonst?

 

Es gab auch eine große Aufregung darüber, dass auf einer Demo sogar ein Neonazi gesehen wurde. Es wird unterstellt, dass die ganze Demo Gemeinsamkeiten mit Neonazis hätte. Worum geht es hier eigentlich? Sollen wir jetzt Angst haben auf eine Demo gegen Krieg zu gehen, weil vielleicht ein Nazi dort sein könnte? 

 

Wir, die Mitglieder von Zusammen e.V., sind sehr unterschiedliche Menschen: bei uns gibt es Christen, Muslime, Menschen aus unterschiedlichen Ländern wie Türkei, Afghanistan, Argentinien, Angola, Chile, Ghana und Deutschland, Anarchisten, Kommunisten ... und so weiter. Aber wenn es um unsere gemeinsamen Interessen geht stehen wir zusammen: gegen das Jobcenter, gegen Lohnkürzungen und Niedriglöhne überhaupt, gegen Nazis, gegen Rassismus, gegen Polizeigewalt, gegen Krieg ... oder für den Frieden. Wir wollen uns nicht spalten lassen, wo wir gemeinsame Interessen haben und Krieg und Hass ist nicht in unserem Interesse. 

Als 2007 die Nazis in Rödelheim gegen den Moscheebau marschieren wollten, standen wir alle gemeinsam dagegen. Bisher haben die Bewohner Rödelheims nicht vergessen, dass die Polizei bereit war mit unglaublichen 8000 Polizisten unseren Stadtteil zum Schutze der Nazis in einen Ausnahmezustand zu versetzen. Antisemitische Parolen wie z.B. „BRD Judenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt“ wurden weder von der Polizei, noch von den Demo-Beobachtern und nicht einmal von den Medien angemessen behandelt oder gar strafrechtlich geahndet

 

Boris Rhein, damaliger Sicherheitsdezernent der Stadt Frankfurt konnte es mit seinem Weltbild scheinbar gut vereinbaren, dass Nazis mit rassistischen, faschistischen und antisemitischen Parolen durch Frankfurt marschierten. Der gleiche Boris Rhein, heute hessischer Wissenschaftsminister, erklärte sich nun solidarisch mit Israels Kriegspolitik.

Wer findet, dass das nicht zusammenpasst, hat noch nicht die wirkliche Nähe zwischen Antisemitismus oder Rassismus und Krieg verstanden.

Aber wir müssen gar nicht so weit zurückschauen:

Die gleichen Gaucks, Merkels, Steinmeiers und wie sie alle heißen, die heute laut von „Antisemitismus“ reden, wenn es um Antikriegsdemonstrationen geht, sollten dran denken, dass die Hand mit der sie auf uns zeigen 5 Finger hat, bei dem 4 auf sie selbst gerichtet sind:

hat nicht ihr Inlandsgeheimdienst, den sie verlogen Verfassungsschutz nennen, die faschistische Terrororganisation NSU, die - wie bisher bekannt - 11 Morde auf dem Gewissen hat - finanziert, aufgebaut und gedeckt?

Haben nicht diese Damen und Herren die Hand des Führers der faschistischen Swoboda vor Kurzem erst geschüttelt. Diese Partei aus der Ukraine ist nicht nur antisemitisch, sondern sympathisiert offen mit dem Hitlerfaschismus .

Sind es nicht diese gleichen Leute, die es nicht interessiert, ob Parteien wie die NPD volksverhetzende Parolen gegen Muslime und gegen Sinti und Roma bei jeder Wahl verbreiten?

Und es sind die gleichen Leute, die Kriege führen und mit militärischen Mitteln Flüchtlinge jagen…

Ich könnte jetzt immer mehr Fragen aufwerfen, die die Verlogenheit von den Merkels, Gaucks und sonstigen Verteidigern des Krieges aufzeigen. Aber eigentlich wissen wir doch alle: es sind die größten Verbrecher selbst, die nur mal wieder von sich ablenken wollen.

Wir sollten uns nochmal vor Augen führen, wer Krieg führt,wer Hass schürt, wer Naziterrorgruppen aufbaut und sie beschützt und  wer Leute verfolgt, die gegen Rassimus, Diskriminierung und Krieg auf die Straßen gehen... es sind die gleichen Leute, die lauthals von Antisemitismus und Verteidigungsrecht Israels sprechen. Sie sind verlogen und unglaubwürdig.

Wir wollen zusammen stehen, zusammen kämpfen für eine friedliche und eine menschliche Gesellschaft... 

Ein Schild auf der letzten Demo in Frankfurt hat diesen Wunsch bitter auf den Punkt gebracht. Darauf hieß es:

„Ob Isaac, ob Ismail... wieviel Blut muss noch fließen, bis Frieden ist?“ Schade, dass er nirgendwo bei den Medien zu sehen war.